Männer machen sowas

Briefe aus den USA

Ich stehe mit Pablo vor unserem Haus. Er stammt aus Honduras, ich aus Westfalen. Wir sprechen über Fußball. Ronaldo und Sanchez. Er liebt Real Madrid, ich nicht. Aber wir beide mögen argentinischen Fußball nicht. Es wird nur gefoult. Schlimm. Wir reden über Narben und Wunden. Ich zeige ihm meine fast noch frische Schilddrüsen-Narbe. „Harte OP. War knapp.“ Er nickt anerkennend, streift seine Sandale ab und deutet auf den Fuß, an dem drei Zehen fehlen. „Wurde vom Feld geholt, von Contras. Rebellen. Die wollten mich zum Soldaten machen. Klappte nicht. War noch zu jung. Sie knipsten mir mit einer Zange die Zehen ab, ließen mich liegen.“

Das Thema Migration ist nicht abstrakt. Das sind die USA. Es ist meist herzzerreißend. Sie kommen aus Ländern, die jahrzehntelang unter dem Einfluss der Vereinigten Staaten leiden mussten, damit man hier Billig-Bananen und Billig-Koks bekam. Jetzt machen die Menschen aus Mittel- und Südamerika hier fast jede Handarbeit. Vom Garten über die Küche bis zu jedem Drecksjob, für den sich das Restamerika zu schade ist. Sie sind illegal. Sie zahlen keine Steuern, keine Versicherung. Sie unterwandern jeden Mindestlohn. Sie kämpfen um das schiere Überleben. Jeder weiß, dass es falsch ist, sie zu beschäftigen. Aber ein Leben ohne sie ist in den USA mittlerweile undenkbar - weder auf den Feldern, noch in den Schlachthäusern oder im Haushalt. Sie verändern dieses Land auf vielerlei Weise. Zudem sind sie ein dankenswertes Thema. Jeder sieht es, jeder kann mitschnabeln. Sie haben mit ihrem Fleiß eine wichtige Trumpfkarte in der Hand – sowohl bei Demokraten wie bei Republikanern. Denn selbst die konservativsten Unternehmer und Farmer kommen nicht ohne die Menschen zwischen Ecuador und Mexiko aus.

Wie in Deutschland üblich arbeite ich schweigend, esse in den Pausen mit Pablo, und sehe diesen Menschen zu, wie sie die schwersten Dinge bei völliger Hitze verrichten, während sie mich bei Regen verstört ansehen, weil ich als Westfale natürlich weiterarbeite. Amerika heißt Gegensätze auszuhalten. Hier merke ich, wie homogen, wie gleich wir in Deutschland noch sind. Amerika ist eine einzige Lernkurve.
„Kannst du noch Fußball spielen?“, frage ich Pablo. Der nickt. „Im Tor“. Baseball werde ich nie spielen!“ Wir sind uns einig, dass mit dem ‚Stock gegen den Ball schlagen‘ kein Sport sei. Dafür muss ich kein Spanisch und Pablo kein Deutsch sprechen.

Zum Hintergrund:

https://www.zdf.de/nachrichten/heute/krisenherd-honduras-politische-krisen-und-gewalt-zwingen-menschen-zur-flucht-100.html

https://www.heise.de/tp/features/Ueberfremdung-des-Einwanderungslands-USA-4121458.html

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